Ansprache vom 29.11.2012

 

vor dem Haus Bruno-Bauer-Straße 17A

"Wir haben uns heute hier versammelt, um dabei zu sein, wenn der Künstler Gunter Demnig, den ich im Namen des Vereins proNeubritz heute ganz herzlich hier in Neubritz begrüße, einen Stolperstein für Paul Fürst verlegt.

 

 

 

Der Stein wird die Inschrift tragen:
HIER WOHNTE PAUL FÜRST JG. 1889
„WEGEN POLITISCHER UNZUVERLÄSSIGKEIT“
SCHUTZHAFT 1940 SACHSENHAUSEN
ERMORDET 6.6.1941

 

Biographie: - Paul Fürst

Obwohl die Datenlage nicht immer eindeutig ist, haben wir alle uns heute vor der Bruno-Bauer-Str. 17A in Neukölln im Ortsteil Neubritz versammelt, um Paul Fürst zu gedenken, der am 14. April 1889 in Berlin geboren wurde und einen selbständigen Buchhandel in Berlin betrieb. Er war Inhaber von „Neukultur-“ und „Kosmos“- Verlag. Von 1920 bis zu ihrem Verbot 1933 war Paul Fürst Mitglied der SPD und arbeitete auf der Neuköllner Geschäftsstelle oft ehrenamtlich mit. Zu der Zeit war er noch Justiz-Angestellter, ehe er sich später im kaufmännischen Beruf selbständig machte. Er betätigte sich in der „Liga für Menschenrechte“. Weil er „sozialistische und wissenschaftliche Bücher“ vertrieb, erhielt er Anfang 1938 Berufsverbot. Sein gesamter Bücher-Bestand wurde im Dezember 1940 von der SA beschlagnahmt und Paul Fürst wurde von der Gestapo wegen illegaler Arbeit gegenüber dem Faschismus in „Schutzhaft“ genommen und nach einigen Tagen in das KZ Sachsenhausen eingeliefert.

 


Ende Juni 1941 erhielt seine Mutter hier den Totenschein, wonach ihr Sohn am 6. Juni 1941 um 18:30 Uhr im Häftlingskrankenhaus des KZ Sachsenhausen an Kreislaufschwäche und doppelseitiger Lungenentzündung gestorben ist. Im Sterbebuch des Standesbeamten wird er als Kaufmann Paul Wilhelm Fürst, evangelisch, wohnhaft in Berlin, Gontardstraße 2 notiert. Wir wissen in Zusammenhang mit den „Grauen Bussen“, dass die Nazis absichtlich Daten verfälschten, um Spurensuche für Angehörige zu erschweren. Ich vermute, dass die Nazis seine alte Geschäftsadresse als Wohnort notierten. Denn für sie war der Wohnsitz in der Bruno-Bauer-Str. 17A wohl weniger wichtig, als seine Verlags-Tätigkeit in der Gontardstraße am Alexanderplatz in Mitte. Telefonbuch-Einträge von Paul Fürst lauten ebenso auf den Geschäftssitz. Von der Familie, die unter dem Nazi- Regime bitteres Leid erfahren hat, lässt sich rekonstruieren: Die Ehe von Vater Matthäus Fürst und Mutter Ernstine Wilhelmine Pauline Fürst, geborene Wandrey wurde geschieden. Die Schwester Klara Hedwig Viktoria Staatz, geborene Fürst, starb am 18. Dezember 1944 in ihrer Wohnung in der Emser Straße 5. Sehr wahrscheinlich wohnte die Familie Fürst mit Mutter, Bruder und Schwester während der NS-Zeit hier in der III. Etage der Bruno-Bauer-Str. 17A. Sein Bruder Wilhelm schreibt: „Was von 1933 – 1945 in Deutschland den Menschen an Verbrechen und Unmenschlichkeiten angetan wurde, hat auch Gott erzürnt und er wird den Schuldigen nie vergeben, niemals.“

 


Während die hier am 14. März 1947 verstorbene Mutter als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurde, blieb dem später in Moabit wohnenden Bruder Wilhelm, der schreibt: „Bin durch schwerer Krankheit, Herz- und Nervenleiden daran behindert. Durch die ständige Nazi-Verfolgungen und ihre Unmenschlichkeiten, das auch meine unheilbaren Erkrankungen seelisch zur Folge hatte“ - außer einer „Sonderunterstützung von 50,- RM“ beim Tod der Mutter - im Jahr 1960 eine Entschädigung aufgrund Antragsfristablauf in 1958 verwehrt.

 


Wir verneigen uns vor Paul Fürst und seiner Familie. Ich danke allen, die mitgeholfen haben die Daten zusammen zu tragen und allen, die dieses heute hier möglich gemacht haben.


Wir werden von hier aus weiter gehen in die Juliusstraße 12, wo der Verein proNeubritz einen weiteren Stolperstein für Karl Tybussek verlegen lassen wird. Danach werden wir vor der Rungiusstraße 33 und vor der Juliusstraße 39 die älteren Stolpersteine in Neubritz reinigen." B. Wewer